Neu: Die Schilddrüse - Kleines Organ mit großer Wirkung?

Ein Bericht von Apotheker Dr. Gerd-Dieter Aden von der Löwen Apotheke in Weener

Die Schilddrüse ist ein unscheinbares Organ, trägt aber zur Gesamtfunktion des Organismus bei. Der Schilddrüse kommt eine wichtige Funktion zu, sie regelt zahlreiche Stoffwechselvorgänge im Körper und hält sie im Gleichgewicht. Ohne Schilddrüse und ihre Hormone kann der Mensch auf Dauer nicht leben. Kann die Drüse ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen, ist eine Ergänzung der Schilddrüsenhormone unumgänglich. Dies muss stets individuell und genau kontrolliert erfolgen.

Bau und Funktion der Schilddrüse

Die Schilddrüse ist ein schmetterlingsförmiges Organ, das an der Vorderseite des Halses ? unterhalb des Kehlkopfes ? wie ein Schild der Luftröhre aufliegt. Sie besteht aus zwei Seitenlappen, die durch einen schmalen Streifen verbunden sind. Das Organ ist ganz weich und in gesundem Zustand kaum tastbar. Eine normal große Schilddrüse hat ein Volumen von ins-gesamt 8 bis 20 Milliliter.

Die Schilddrüse besteht aus kleinen Bläschen, den Follikeln, in denen die Hormone Thyroxin (abgekürzt T 4) und Triiodthyronin (abgekürzt T 3) gebildet werden. Dafür ist Iod erforderlich, das die Schilddrüsenzellen aus dem Blut aufnehmen. Die Schilddrüse kann etwa 40 Prozent des verzehrten Iods aus dem Blut aufnehmen, anreichern und dadurch den Bedarf für drei Monate bevorraten. Die beiden Hormone werden nach Bedarf ins Blut ausgeschüttet und gelangen von dort an ihre Wirkorte. Die Schilddrüse produziert zu fast 95 Prozent T 4 und nur zu einem geringen Teil T 3. Dennoch ist T 3 die wirksame Form und wird im Körper, vorrangig in der Leber, aus der Vorstufe T 4 durch Abspaltung von Iod hergestellt.

Die Herstellung von T 3 und T 4 wird durch einen Regelmechanismus gesteuert: Der Hypothalamus, ein Teil des Zwischenhirns, produziert das Steuerungshormon TRH. TRH gelangt auf dem Blutweg in die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und stimuliert dort die Bildung des Steuerungshormons Thyreoidea-stimulierendes Hormon (TSH; Thyreoidea = Schilddrüse). TSH gelangt über das Blut in die Schilddrüse und löst dort die Aufnahme von Iod und die Produktion sowie Freisetzung der Schilddrüsenhormone T 3 und T 4 aus. Diese wiederum hemmen die weitere Ausschüttung von TSH in der Hirnanhangdrüse. So wird verhindert, dass die Schilddrüse zu viele Hormone herstellt.

Die Schilddrüsenhormone sind für Entwicklung und Funktion des gesamten Organismus wichtig. Vor allem für die Reifung des Gehirns ist eine gute Versorgung unverzichtbar. Sie beeinflussen unter anderem Nervensystem und Psyche, Haut, Haare und Nägel, den Energie-stoffwechsel, die Funktion von Magen und Darm, Herz und Kreislauf, die Geschlechtsorgane, Knochen und Muskulatur.

Diagnostik

Um eine Funktionsstörung der Schilddrüse auszuschließen, reicht die alleinige Messung des Steuerungshormons TSH in den meisten Fällen aus. Liegt dieses im Normbereich, ist von einer normalen Hormonproduktion auszugehen. Die zusätzliche Überprüfung von T 3 und T 4 ist dann verzichtbar. Weicht TSH vom Normbereich ab, muss der Arzt zusätzlich die Schild-drüsenhormone bestimmen.

Bei einer Überfunktion sind T 3 und T 4 erhöht. Da diese die Freisetzung von TSH unter-drücken, ist dieses erniedrigt. Ist nur das TSH zu niedrig, liegt eine versteckte (latente) Überfunktion vor. Diese kann bereits zu Beschwerden führen und leicht in eine offensichtliche (manifeste) Überfunktion übertreten. Bei einer Unterfunktion sind T 3 und T 4 im Blut erniedrigt. Durch diesen Mangel nimmt das TSH zu, um die Produktion der Hormone zu erhöhen. Ist nur das TSH erhöht, arbeitet die Hirnanhangdrüse mit voller Kraft, um die leistungsschwache Schilddrüse zu einer ausreichenden Hormonproduktion anzutreiben. Man spricht hier von einer latenten, d. h. versteckten Unterfunktion.

Die vergrößerte Schilddrüse: Struma

Ultraschalluntersuchungen an gesunden Personen in Deutschland haben gezeigt, dass 34 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer eine vergrößerte Schilddrüse aufweisen, ohne es zu wissen. Ursache ist ein Mangel an Iod in der Nahrung. Der tägliche Iodbedarf beträgt für Erwachsene 180 bis 200 Mikrogramm; die tatsächliche Aufnahme liegt bei etwa 110 bis 120 Mikrogramm pro Tag.

Durch den Mangel an Iod produziert die Schilddrüse Wachstumsfaktoren, die die Schilddrüsenzellen zu Vermehrung und Wachstum anregen. Zusätzlich führt der Iodmangel zu einer Minderproduktion von Schilddrüsenhormonen. Folglich sinkt der Spiegel der Schilddrüsenhormone im Blut. Die Hirnanhangdrüse verstärkt daraufhin zwangsläufig ihre TSH-Impulse an die Schilddrüse; diese vergrößert sich in dem Bestreben, die ungenügende Hormonbildung auszugleichen.

Komplikationen bei vergrößerter Schilddrüse

Stärkeres Wachstum der Schilddrüse führt zu einem größeren Halsumfang. So lassen sich zuvor passende Hemden am Hals nicht mehr richtig zuknöpfen oder Rollkragenpullover beginnen unangehm zu drücken.

Der immer größer werdende Kropf bildet Knoten, die auch von außen sichtbar sind. Die wachsende Schilddrüse kann auf wichtige Halsorgane drücken; sie kann z. B. die Luftröhre einengen oder den Stimmbandnerv schädigen, so dass die Stimme heiser klingt.

Zudem besteht die Gefahr, dass größere Teile der Schilddrüse verkümmern, weil sie nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden. Hier entstehen Knoten aus funktionsuntüchtigem Gewebe, in denen kein Schilddrüsenhormon mehr produziert und auch kein Iod mehr gespeichert werden kann. Der Arzt erkennt diese knotigen Bereiche, sog. kalte Knoten, mit Hilfe der Szintigraphie, ein bildgebendes Untersuchungsverfahren, das sich für die Schilddrüse besonders gut eignet. Bereiche in der Schilddrüse, die stärker als die Umgebung speichern, werden als sog. heiße Knoten bezeichnet. Sie reagieren nicht mehr auf die Steuerung durch TSH, sondern produzieren eigenständig Hormone in Abhängigkeit von der Iodzufuhr. Ein derartiger Knoten kann bei hoher Iodbelastung beispielsweise im Rahmen von Röntgenuntersuchungen mit Kontrastmitteln eine Schilddrüsenüberfunktion bis hin zur lebensbedrohlichen thyreotoxischen Krise auslösen.

Vorbeugung und Behandlung des Kropfs

Die Zufuhr von ausreichend Iod ist die beste Vorbeugung gegen Kropf. Auch wenn Deutschland wegen seiner verbesserten Iodversorgung laut WHO nicht mehr als Iodmangelgebiet eingestuft wird, tritt der Iodmangelkropf doch recht häufig auf. Selbst eine ausgewogene Ernährung deckt nur einen Teil unseres täglichen Iodbedarfs. Daher bietet sich eine Ergänzung über iodiertes Speisesalz an. Die Iodzufuhr kann zusätzlich durch den Verzehr von Meeresfrüchten und Seefisch gesteigert werden. Dennoch ist häufig eine zusätzliche Gabe von Iod mittels Tabletten erforderlich.

Ein vom Arzt festgestellter Iodmangelkropf muss auch dann behandelt werden, wenn der Patient keine Beschwerden beklagt oder sich nicht krank fühlt. Es ist grundsätzlich sinnvoll, die Behandlung so früh wie möglich zu beginnen. So lassen sich eine weitere Vergrößerung, Komplikationen oder sogar bösartiges Wachstum vorbeugen. Ziel der Behandlung ist die Verkleinerung des Kropfes oder wenigstens ein Stillstand seines Wachstums.

Eine Schilddrüsenvergrößerung wird zunächst mit Medikamenten behandelt. Therapeutische Absicht ist der Ausgleich des Iodmangels durch ergänzende Verabreichnung von Iod oder/und Schilddrüsenhormon zur Entlastung der kranken Schilddrüse. Den größten Nutzen erzielt man mit der Kombination von L-Thyroxin und Iod. Bei starker Vergrößerung der Drüse mit lokalen Komplikationen wie die Einengung von Luftröhre oder Speiseröhre oder bei Verdacht auf Krebs ist eine Operation die Therapie der Wahl. Nach der Operation erhalten die Patienten in der Regel Iod und Schildrüsenhormone, um einem erneuten Wachstum des verbliebenen Schilddrüsengewebes vorzubeugen. Bildet sich der Kropf trotz medikamentöser Behandlung nicht zurück, kann der Patient eine Radioiodtherapie erhalten. Durch radioaktive Bestrahlung wird dabei überschüssiges Gewebe zerstört. Dafür muss der Patient radioaktives Iod einnehmen. Während dieser speziellen Therapie befindet sich der Patient in einer nuklear-medizinischen Isolierstation. Die Dauer der Isolation beträgt in der Regel zwischen 5 und 14 Tagen. Nachteil dieser Behandlung ist das Risiko einer Schilddrüsenunterfunktion. Eine Unterfunktion nach Radioiodtherapie kann ohne Probleme mit Schilddrüsenhormon behandelt werden.

Hyperthyreose: Körper im Daueralarm

Die Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) führt zu einer Vermehrung der Schild-drüsenhormone im Körper. Dies bedingt eine Dauererregung sämtlicher Organsysteme. Der Betroffene ist unruhig, nervös, zittrig, hat eine warme Haut, leidet an Haarausfall, Schwitzen, Herzklopfen und erhöhter Pulszahl, Gewichtsverlust, Durchfällen sowie Muskelschwäche.

Beim älteren Patienten ist das Beschwerdebild oft untypisch. Unter Umständen verliert er nur Gewicht, leidet an Herzrhythmusstörungen oder fortschreitender Herzschwäche. Diese Beschwerden werden nicht selten als altersbedingt gewertet. Etwa drei Prozent der Menschen über 60 Jahre erkranken an einer Schilddrüsenüberfunktion. Oft wird ein verstecktes Krebsleiden angenommen und nach einem Tumor gesucht, an ein Schilddrüsenleiden wird zunächst nicht gedacht. Dies birgt die Gefahr eines Fortschreitens der Hyperthyreose.

Bei einer Hyperthyreose werden Thyreostatika gegeben. Sie hemmen die Schilddrüsenfunktion. Dazu gehört beispielsweise der Arzneistoff Carbimazol. Dieser Wirkstoff wird im Körper nach der Aufnahme in seine Wirkform Thiamazol umgewandelt. Nach einer Einnahme von 1 bis 3 Wochen bessern sich die Krankheitsbeschwerden. Eventuell wird bei Hyperthyreose eine Radioiodtherapie oder eine Operation in Erwägung gezogen.

Hypothyreose: Alles geht langsamer

Kann die Schilddrüse die Hormonversorgung nicht mehr sicherstellen, so entsteht das Krankheitsbild  der Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Die Patienten beklagen Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, depressive Verstimmung, trockene Haut, Haarausfall in Büscheln, Kältegefühl, erniedrigte Pulszahl, Gewichtszunahme und Verstopfung. Die Beschwerden entwickeln sich schrittweise, sodass sich der Betroffene zunächst daran gewöhnt. Gerade beim alten Menschen unterstellt man meist altersbedingte Veränderungen. Somit wird die Diagnose häufig erst spät gestellt.

Als Ursachen für eine Unterfunktion der Schilddrüse kommen meistens Schilddrüsenentzündungen, aber auch Behandlungsverfahren wie Operation oder Radioiodtherapie in Frage. Die Therapie zielt darauf ab, den Hormonmangel auszugleichen. Die im Körper fehlenden Hormone werden dabei in Form von Tabletten verabreicht. Es handelt sich um das Hormon L-Thyroxin, das künstlich hergestellt wird und dem natürlichen Schilddrüsenhormon entspricht. Grundsätzlich erfolgt die Dosierung einschleichend und ganz individuell. Um eine ausreichende Aufnahme zu erreichen, ist die Einnahme von L-Thyroxin auf nüchternen Magen etwa eine halbe Stunde vor dem Frühstück empfehlenswert. Aufgrund der langen Verweildauer von L-Thyroxin im Körper entstehen keine nachteiligen Auswirkungen, wenn der Patient die Tablette einmal vergisst. Er kann die Einnahme am nächsten Tag mit der normalen Dosis fortsetzen. Bei gut eingestellten Patienten sollte man das Präparat nach Möglichkeit nicht wechseln. Im Falle eines Produktwechsels ist eine Überprüfung der Schilddrüsenfunktion (TSH-Kontrolle) dringend geboten. Die dabei entstehenden Kosten für die Laboruntersuchungen übersteigen jedoch den vermeintlich wirtschaftlichen Vorteil auf Grund eines Präparatewechsels.